Die Therapie begann in Bremen am 17.07.1996. Bernd war in der Nacht aus
dem Kanton Bern nach Bremen gereist. Mit im Bus reisten noch Betreuer
mit, die diese Methode lernen wollten. Wir durften uns jeden zweiten
Tag in Bremen erkundigen, wie es Bernd geht und wie es mit der Therapie
vorangeht. Nach ein paar Tagen haben wir ein erstes Video erhalten. Wir
waren überwältigt, besonders als wir die Aufnahme sahen, bei denen
Bernd, am ersten Therapietag, seinen Namen stempelte. Bernd gab zu
erkennen, dass er genau wusste, was er da Buchstabe um Buchstabe
gestempelt hatte. In der Schule hatte man ihm nie zugetraut Buchstaben
zu kennen, geschweige denn, seinen Namen lesen zu können.
In der zweiten Woche kamen auch wir neugierig in Bremen an. Wir wussten, Bernd durfte uns nicht sehen, aber wir konnten durch die Einwegscheibe bei der Arbeit direkt zusehen - oder auch Videoaufnahmen ansehen. Hier wurde uns nichts vorenthalten. Diese Ehrlichkeit war das Beste, das uns je passiert war. In Bremen lernten wir Menschen kennen, denen man vertrauen konnte.
Manchmal staunte Bernd selbst darüber, was da alles mit ihm unternommen wurde. Er war es ja nicht gewohnt, dass sich Lehrer oder Betreuer einen ganzen Tag um ihn bemühten und auch etwas von ihm erwarteten.
An der Universität in Bremen wurden ihm verschiedene Arbeiten
angeboten: Werkzeug einordnen, Flaschen zuschrauben und
sortieren,
Schrauben abpacken, Kabel zuschneiden und nach verschiedenen Grössen
sortieren, Kabelhüllen abziehen, er wurde aufgefordert zu lernen. Neben
Essen, Arbeiten und Pausen wurde Bernd auch das Malen, die Rhythmik und
die Musik angeboten.
Bernd lernte jetzt das Alphabet kennen. Hier stempelte er zum ersten Mal, Buchstabe um Buchstabe: "ICH HEISSE BERND". Erstmal bekam er Unterricht in der Gebärdensprache, durfte am Computer schreiben und stempelte mit Holzbuchstaben.
Auch ich, die Mutter, hatte immer wieder versucht Bernd Zahlen und Buchstaben beizubringen, mit ihm Arbeiten in Haus und Garten anzugehen. Gleiches versuchten wohl auch die Lehrer. Wir alle waren erfolglos geblieben. Uns fehlte das Wissen. Bernd blieb nur kurz dabei - entweder lief er fort oder warf alles hin. Erst Professor Dr. Feuser mit seiner SDKHT konnte Bernd zum steten Lernen und Mitarbeiten motivieren.
Alles war in der Therapie überlegt und geplant. Jede Reaktion von Bernd wurde von Prof. Dr. Feuser registriert und analysiert.
Der erste Pädagoge sass gegenüber von Bernd und gab ihm das Material. Dieser gab Bernd einen Buchstabenstempel und sprach deutlich und klar, was er damit machen muss: den Stempel nehmen, in Druckerfarbe eintauchen, den Buchstabenstempel auf das Blatt drucken und den Stempel wieder versorgen. Der zweite Pädagoge stand hinter Bernd und gab ihm Hilfen mit den Händen. Solange oder so intensiv, wie Bernd diese Hilfe brauchte. Der zweite Pädagoge sprach ihm auch ins Ohr zur Orientierung, auf das was als Nächstes kommt und um ihn bei positiven Handlungen zu bekräftigen.
Bernd wurde angewiesen den nächsten Buchstabenstempel zu nehmen, einzutauchen, drucken usw., bis ein Wort geschrieben war. Der Dritte sass links von Bernd und machte genau dasselbe wie Bernd. So als Modell. Ich wusste, Bernd beobachtet diesen dritten Studenten genau - arbeitet dieser wirklich oder nicht? Wer Bernd genau zuschaute, erkannte, wie Bernd den dritten Studenten aus den Augenwinkeln heraus beobachtete.
Der Arbeitsrhythmus wurde auf Bernd angepasst. Es wurde darauf geachtet,
dass Bernd richtig auf dem Stuhl sass und seine Füsse nicht schon unter
dem Tisch startbereit zum Aufspringen waren. War Bernd unkonzentriert,
führte der zweite Betreuer seinen Finger in Bernds Blickfeld. Sobald
Bernd den Finger fixierte, führte der Betreuer diesen zum Gegenstand der
Arbeit zurück.
Wenn Bernd etwas nicht auf Anhieb gelang, reagierte er frustriert. Prof. Dr. Feuser, oder der zuständige Pädagoge nahmen ihn sofort aus der Situation. Sie stellten sich neben Bernd hin und sagten: "Bernd schau mich an. Du kannst das. Ich helfe dir dabei. Du kannst dich auf mich verlassen!" Anfangs war Bernd sehr aufgeregt, schaute zweifelnd sein Gegenüber an. Plötzlich änderte sich sein Gesichtsausdruck - als wollte er sagen: "Na ja, wenn du meinst, dann versuche ich es noch einmal." Als wäre nichts vorgefallen ging es mit der Arbeit weiter.
Wenn Bernd etwas alleine gelang, dann sagten sie ihm "das hast du gut gemacht." Es war eine Freude zuzusehen, wie Bernd nach einer gelungenen Arbeit und diesen Worten richtig aufblühte.
Bernd wurde vom Betreuer gefragt. "Willst du noch etwas essen,
trinken oder bist du fertig?" Für Essen oder Trinken hatte er in der
Therapie gelernt, auf die entsprechende Essen- oder Trinken-Karte zu
zeigen. Hingegen um "Fertig" zu zeigen, musste er die Gebärdensprache
anwenden. - Ich sah ihm an, er wusste genau, wie er diese Gebärde zeigen
müsste. Aber er konnte dieses "Fertig" noch nicht alleine zeigen. Da
nahm Bernd die Hände des zweiten Studenten und führte ihn - um "Fertig"
zu zeigen.
Es muss für Bernd sehr frustrierend sein, dass er viele Sachen ohne unsere Hilfe nicht ausführen kann, obwohl er aber wusste wie er es machen müsste. Wir verweigern ihm diese Hilfe, weil uns das Wissen fehlt. Hier in der Therapie von Prof. Dr. Feuser in Bremen hatten sie dieses Wissen und ihm wurde die Hilfe angeboten, solange, bis er es alleine konnte.
Nach fast einer Woche in Bremen fuhren wir wieder nach Hause. Wir wussten, diese Basis-Therapie von Prof. Feuser war das Beste, das wir je gesehen hatten. Wenn in jeder Schule und in jedem Heim nach der SDKHT gearbeitet würde, könnten Menschen wie Bernd lernen und integriert in unserer Gesellschaft leben.
[ nachgeführt: 24.12.2007]. ImpressumSeite drucken